Trends auf dem Crowdfunding-Markt: Interview mit dem Crowdfunding-Experten Dr. Ivo Blohm

Kickstarter, die größte Crowdfunding-Plattform der Welt, kommt nach Deutschland. Steht Crowdfunding vor dem Durchbruch? Dr. Ivo Blohm, Leiter des Competence Centers Crowdsourcing am Institut für Wirtschaftsinformatik der Universität St. Gallen, im Gespräch mit Neues aus der Aktentasche über aktuelle Trends auf dem Crowdfunding-Markt.

Crowdfounding - by Rocío Lara

Viele geben einen kleinen Betrag, damit eine Idee Wirklichkeit wird: Crowdfunding (Illustration: Rocío Lara – Flickr, CC)

Herr Dr. Blohm, Sie haben in einer Studie weltweit Crowdfunding-Plattformen analysiert. Was sind aus Ihrer Sicht die wichtigsten Trends?

Was wir etwa bei Kickstarter sehen, ist die Entwicklung, dass Crowdfunding zunehmend als Werkzeug für Presales verstanden wird. Wer in ein Projekt investiert, bekommt das Produkt zu einem reduzierten Preis, vielleicht 20 Prozent billiger, und noch die Erwähnung als Förderer oder andere nicht-finanzielle Incentives. Die ursprüngliche Idee von Crowdfunding, dass Fans durch ihre Spenden Projekte möglich machen, etwa indem mit dem Geld das Album einer Band produziert wird, tritt mehr und mehr in den Hintergrund.

Crowdfunding als Weg zur Kundengewinnung und Kundenbindung?

Das charmante liegt darin, dass man nicht nur Kunden gewinnt, es sind vielmehr das, was man auf Englisch „Evangelists“ nennt. Botschafter für die Firma oder das Produkt. Ein Kollege von mir hatte beispielsweise in den Stromberg-Film investiert. Dreimal ging er durchs Büro: Beim ersten Mal sagte er, man könne jetzt investieren. Beim zweiten Mal verkündete er, er habe jetzt investiert. Und beim dritten Mal erklärte er, das Geld sei jetzt zusammengekommen.

Muss ein Produkt „sexy“ sein, um beim Crowdfunding erfolgreich zu sein?

Bei unserer Studie haben wir festgestellt, dass erfolgreich finanzierte Produkte als deutlich kreativer wahrgenommen werden, als die nicht erfolgreichen. Gleichzeitig ist der Spaßfaktor ein wichtiges Element. Es geht auch um Zeitvertreib. Kennen Sie den Mann mit dem Kartoffelsalat?

Nein.

Dieser Mann hat als Projekt eingestellt, dass er zum ersten Mal in seinem Leben einen Kartoffelsalat herstellt. Er wollte dafür 10 Dollar einsammeln. Es wurden über 50.000 Dollar. Die Leute finden ein Projekt witzig und geben Geld um Teil dieser verrückten Idee zu sein.

Ist der Spaßfaktor für alle Plattformen gleichermaßen wichtig?

Wenn es etwa um Lending-Plattformen geht, dann spielt Emotionalität oftmals eine deutlich geringere Rolle. Es geht dann oftmals nur noch um Scorings und Verzinsung. Wie groß ist das Risiko des Kreditausfalls? Bei manchen Plattformen geht es dann gar nicht mehr um das konkrete Projekt. Man trägt dann nur noch ein, wie viel Geld man zu welchen Konditionen investieren möchte. Dann bekommt man eine Liste von Projekten und kann das Investment streuen. Das geht zum Teil sogar automatisch. Es gibt zunehmend Investoren, die diese Systeme nutzen.

Wie muss man sich das vorstellen?

Diese Investoren treten teilweise mit Millionenbeträgen an die Crowdlending-Plattformen heran. Bei der richtigen Streuung ist eine Verzinsung zwischen 7 und 8 Prozent möglich. Das ist wirtschaftlich schon ziemlich interessant.

Wenn man sich den Crowdfunding-Markt anschaut, fällt einem auf, dass es immer noch um sehr kleine Zahlen geht. Für 2013 sprechen Sie in Ihrer Studie von 2,7 Milliarden Dollar Umsatz weltweit. Im Vergleich zu herkömmlichen Finanzierungsformen ist das ein Witz. Allein die Sparkasse Hannover hat ein Geschäftsvolumen von etwa 14 Milliarden Euro. Wie viel Potenzial steckt tatsächlich in diesem Markt?

Es stimmt tatsächlich, dass der Markt noch sehr klein ist. Deutliches Wachstum ist vor allem in USA bei Lending-Plattformen zu erwarten. Das hat etwas mit den speziellen Strukturen in den USA zu tun. Die Bevölkerung ist stark verschuldet. Doch ein Dispokredit ist dort nicht so weit verbreitet. Die meisten überziehen ihre Kreditkarte mit mehr als 20 Prozent Zinsen. Wenn sie dann auf einer Lending-Plattform nur noch 10 Prozent zahlen müssen, ist das ein ganz konkreter wirtschaftlicher Nutzen. Auch in Deutschland ist der Lending-Bereich mit Abstand am größten. Insgesamt gehen wir jedoch davon aus, dass der Markt in Deutschland weiter stark wachsen wird. Etwas skeptischer bin ich bei echten Investment-Plattformen, auf denen Anteile an Startups erworben werden können.

Warum?

Es ist gut möglich, dass bald eine gewisse Ernüchterung ausbricht. Man weiß ja, dass nach rund zwei Jahren rund 90 Prozent der Startups nicht mehr am Markt sind. Bei den Plattformen ist es durch die Intelligenz der Masse ja durchaus möglich, dass der Wert etwas besser ist und nur noch bei 50 Prozent liegt. Aber das heißt immer noch, dass jedes zweite Startup scheitert. Aber auch Erfolg könnte zum Problem werden.

Spielen Sie auf das Beispiel Oculus Rift an?

Ja. Was passiert, wenn aus einem dieser Startups tatsächlich das nächste Facebook wird? Schon bei Oculus Rift gab es einen riesigen Aufschrei der Community. Die hatte die 3D-Brille mit mehreren Millionen Dollar gefördert – auf Kickstarter konnten unter anderem vergünstigte Prototypen erworben werden. Und dann wurde die Firma für zwei Milliarden Dollar an Facebook verkauft. Für manche schien dies einem Verrat gleichzukommen. Doch was ist, wenn es um Anteile ginge? Man stelle sich vor, dass ein Investor den Erstgesellschaftern ihre Anteile abkauft, nur um die Firma in der buchstäblich selben Sekunden für das Tausendfache weiterzuverkaufen? So eine Situation ist denkbar. Dann wäre die Hölle los.

Eine der Kernthesen Ihrer Studie ist, dass sich das Crowdfunding professionalisiert. Wie sieht diese Professionalisierung aus?

Einmal auf Investorenseite. Dort haben wir es zunehmend mit Finanzinvestoren zu tun. Zum anderen auf Anbieterseite, hier sind es immer mehr Unternehmen und weniger Künstler und Tüftler, die für ihre Ideen werben. Und dann sind es aber auch die Plattformen selbst. In Deutschland arbeitet das German Crowdfunding-Network an Standards, was eine gute Plattform ausmacht.

Viele Plattformen zielen inzwischen auf mittelständische Unternehmen ab. Wann würden Sie einem solchen Unternehmen empfehlen, sich für Crowdfunding zu entscheiden?

Für ein gewachsenes, mittelständisches Unternehmen ist Crowdfunding im Vergleich zu traditionelleren Finanzierungsformen wohl sehr teuer. Nehmen wir an, man wollte 100.000 Euro erzielen. Die Gebühren der Plattformen liegen bei rund 10 Prozent. Gleichzeitig muss aber auch noch ein Video gedreht und die Kampagne von einem Mitarbeiter betreut werden. Dazu kommen Rabatte, Zinsen oder Gewinnbeteiligungen für die Crowd. Insgesamt muss man wohl mit 30 Prozent der Summe an Kosten rechnen. Da ist es deutlich günstiger, zur Bank zu gehen und einen Kredit aufzunehmen. Wenn man allerdings den Zusatznutzen betrachtet, den Marketingeffekt und das Potenzial, ein Produkt zu emotionalisieren, dann kann sich das durchaus lohnen. Auch können Ideen für neue Produkte so bereits in einem sehr frühen Stadium am Markt getestet werden.

Herr Dr. Blohm, vielen Dank für das Gespräch.

[otw_shortcode_info_box border_type="border-top-bottom" border_color_class="otw-blue-border" border_style="bordered" background_pattern="otw-pattern-1"]Dr. Ivo BlohmDr. Ivo Blohm leitet das Competence Center Crowdsourcing am Institut für Wirtschaftsinformatik an der Universität St. Gallen (Schweiz). Sein Forschungsgebiet umfasst Crowdsourcing, Crowdfunding, Open Innovation, Absorptive Capacity und Business Engineering.

 

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