Richtig bürokratisch

Doppelt anstehen hält besser

Wer ohne Termin zum Bürgeramt kommt, sei es, um einen neuen Pass zu beantragen, sich eine Lohnsteuerkarte aushändigen zu lassen oder ähnliches, muss brav eine Nummer aus einem kleinen Apparat ziehen und warten, bis seine Nummer aufgerufen wird. So kenne ich es zumindest, von Kiel in Schleswig-Holstein bis Zweibrücken in Rheinland-Pfalz. In Berlin nun bin ich auf ein neues System gestoßen.

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Hier nämlich wird die Nummer fremd gezogen. Wer mir nicht glaubt, kann sich gerne im Berliner Bürgeramt Wedding, in der Müllerstraße 146-147, ein Bild davon machen (hier ein hübsches Foto des Standortes). Die Wartezeit vor dem Nummernschalter beträgt an einem durchschnittlichen Montagmorgen rund 45 Minuten. Die Nummer wird von einem etwas grimmigen sehr dünnen Mann mit kurzen Haaren und verwaschenem Sweatshirt vergeben. Nach welchen Kriterien ist unergründlich.

Mit großem Ernst steht er hinter einem Schalter. Vor sich zwei verschiedene Rollen mit Wartenummern, die 200er und die 500er. Eine kurze Musterung, die Frage nach dem Anlass des Besuchs, ein Nicken, er benetzt seinen Daumen mit etwas Spucke von seiner Zunge und zieht. Dann hat man allerdings erst die Wartenummer. Meiner Frau ist es erst kürzlich passiert, dass sie 45 Minuten ihrer Nummer harrte, eine weitere halbe Stunde saß sie dann im großen Warteraum, auf dass sie aufgerufen würde – und dann brach das Computersystem zusammen. Da sei nix zu machen, hieß es, sie müsse später nochmal kommen.

Vor rund zwei Jahren verbrachte ich innerhalb einer Woche netto rund 48 Stunden im Bürgeramt. Der Grund: Mein biometrisches Passbild (das natürlich nie richtig passte – zu lustig, zu groß, zu schräg von der Seite). Ich muss jedoch gestehen, dass dies auch daran lag, dass ich zusätzlich noch komplett an den Öffnungszeiten des Bürgeramtes gescheitert bin:

  • Montag 8.00-15.00
  • Dienstag 11.00-18.00
  • Mittwoch 8.00-13.00
  • Donnerstag 11.00-18.00
  • Freitag 8.00-13.00
  • Samstag geschlossen

Kann man ehrlich sagen, dass dahinter ein Schema steht? Ein übergeordneter intelligenter Geist?

Eines Tages ergab es sich, dass ich mich im Bezirksamt Mitte – dem ehemaligen Rathaus Wedding und Sitz des Bürgeramtes – für eine Recherche mit einem hochrangigen Beamten verabredet hatte. Ein Termin für das Fernsehen, Kameramann, Tontechniker, Fahrer und ich. Am Empfang stellte ich mich vor und sagte, wenn ich treffen wolle. „Hinten anstellen“, war die lapidare Äußerung der Mitarbeiterin. Sie schaut mich nicht einmal an, sondern las einfach weiter ihre Bild-Zeitung. (ftx)

Über den Autor Henning Zander

Henning Zander ist Wirtschaftsjournalist und externer Datenschutzbeauftragter (TÜV). Er arbeitet u.a. für FOCUS-Business, Legal Tribune Online und das Anwaltsblatt. Er ist Autor des Buches Startup für Einsteiger

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