So viel Zeit bleibt also noch: Der Lebenszeitrechner der KarstadtQuelle Versicherungen und die Bedeutung sozialer Faktoren für ein langes Leben

Durch Zufall bin ich auf dieses so optimistisch stimmende Instrument der KarstadtQuelle Versicherungen gestoßen: Den Lebenszeitrechner. Ich finde, das entbehrt nicht einer gewissen Ironie. Ich meine, dass gerade diese Versicherungen einen solchen Service anbieten. KarstadtQuelle – War da nicht was?

Sollte etwa Arcandor diesen Dienst dazu verwendet haben, das eigene Ende vorherzusagen? Saß vielleicht das Top-Management des Konzerns in einer Zigarettenpause um einen Computer herum, starrte auf den Bildschirm bis einer sprach: „Tja, ich glaube es wird Zeit…“ Man spricht in solchen Fällen ja von einer selbsterfüllenden Prophezeiung. Und viel mehr als 125 Jahre (Karstadt ist inzwischen im 128. Jahr) sind auch wirklich unrealistisch für eine Firma. Da kann man auch durch das Verschieben von verschiedenen Parametern nichts mehr ändern.

Die KarstadtQuelle Versicherungen wird es nicht berühren: Seit 2008 gehören sie vollständig zur Ergo Versicherungsgruppe.

Der Selbstversuch

Ausgehend von einer Lebenserwartung von 80,6 Jahren bei einem 29jährigen Mann, habe ich mal geschaut, was noch so drin ist für mich. Interessant: In der Großstadt sinkt die Lebenserwartung auf 78,2 Jahre, in der Kleinstadt hingegen würde ich kein Risiko eingehen, sagt mir der Rechner. Es bliebe bei 80,6 Jahren. Das Defizit Großstadt kann man allerdings mit einem Universitätsabschluss wieder wettmachen (zurück auf 80,6). In leitender Funktion kommen noch einmal 2,4 Jahre oben drauf (insgesamt also 83 Jahre), als Angestellter bleibt hingegen alles wie es ist (Stagnation bei 80,6). Mit jedem Kind wiederum zählt der Lebenszeitrechner 1,2 Jahre dazu. Kinder als Armutsfalle – das war gestern. Mehr hilft mehr, das ist das KarstadtQuelle Prinzip. Mit drei Kindern in der Großstadt in leitender Funktion mit Universitätsabschluss, das macht Summasummarum 86,6 Jahre. Doch es geht noch besser:

Verheiratet: 89,1 Jahre
Haustiere: 91,5 Jahre
Viele Freunde: 92,7 Jahre

Aufgepasst: Eine gesunde Ernährung oder Sport haben bis dahin noch keine Rolle gespielt! Soziale Faktoren besitzen einen enormen Einfluss auf die Wahrscheinlichkeit, lang zu leben.

Wer die oben genannten Faktoren erfüllt, kommt selbst dann nach KarstadtQuelle immer noch auf einen Wert von 90,7 Jahren, wenn er sich überhaupt nicht gesund ernährt und überhaupt keinen Sport treibt. Allerdings kann man bei diesen Variablen auch einiges rausholen. Mit Sport und gutem Essen werden es gut und gerne 100,7 Jahre. Es geht noch besser:

Ein befriedigendes Sexleben: 103,1 Jahre
Gedächtnistraining (z.B. Kreuzworträtsel): 104,3 Jahre
Wer jetzt noch Optimist ist, hat gewonnen: 108 Jahre

Trotz der großen Absurdität, die es mit sich bringt, sich die Lebenserwartung vorhersagen zu lassen, hat dieser Test einen ernsten Kern. Derartige Berechnungen basieren auf Sterbetafeln der Versicherer, die auf sehr konkreten Erhebungen beruhen. Auf dieser Basis betreiben Versicherungen ihre Preispolitik, passen Gebühren für Krankenversicherung, Berufsunfähigkeit und Lebensversicherung an. Sie erreichen dabei eine recht hohe Zuverlässigkeit (schließlich sind sie davon bei ihrer wirtschaftliche Kalkulation auch abhängig).

Eine der wesentlichen Aussagen dieser Erhebungen ist für mich die immense Bedeutung des sozialen Umfelds.  Verkürzt: Dumm und arm stirbt früher. Damit ist gute Bildungs- und Sozialpolitik kein Luxusgut mehr, sondern schlicht eine Frage des Überlebens. (ftx)

Henning Zander

Über den Autor Henning Zander

Henning Zander ist Wirtschaftsjournalist und arbeitet u.a. für Die Welt und Spiegel Online. Er ist Autor des Buches StartUp für Einsteiger

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